"Professionell geführtes Restaurant in alter Zigarettenfabrik – Eventgastro, die auch schmeckt"
Geschrieben am 19.12.2021 2021-12-19
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"Ein Kleinod der Cucina Italiano im Bremer Norden"
Geschrieben am 12.12.2021 2021-12-12
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"Testergebnis: Alles bestens!"
Geschrieben am 05.12.2021 2021-12-05 | Aktualisiert am 05.12.2021
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"Wie gewonnen..."
Geschrieben am 02.12.2021 2021-12-02 | Aktualisiert am 05.12.2021
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"Feiner Italiener für den besonderen Anlass"
Geschrieben am 21.11.2021 2021-11-21
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"Mittagstisch geniessen…"
Geschrieben am 19.11.2021 2021-11-19
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"Die Küche ist gut, der Service naja…"
Geschrieben am 11.11.2021 2021-11-11
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Im Spätsommer wurden die ersten Anzeigen im Weser-Kurier geschaltet „Neueröffnung Justus“ beworben als „urban interpretierte Italo-Alpenküche in herzlich rustikalem Ambiente“. Nun lasse ich mich von Sprüchen oder gar „Mission Statements“ nicht beeindrucken, aber Küche mit alpinem Einschlag weckt mein Interesse und der Blick auf die Karte überzeugte, zumal wir in Bremen nur eine gute Adresse für die Küche der Alpensüdseite haben, die Südtiroler Stuben, die ich auf dieser Plattform besprochen habe.
Die Älteren können mit Zigarettenmarken wie „Lux“ und „Lord“ noch etwas anfangen oder Bauarbeiter, Knackis, wohnungslose Suchtkranke und linke Studenten mit dem legendären „Schwarzen Krausen“ zum Selberdrehen. Deren Brutstätte war die Brinkmannsche Tabakfabrik in Bremen-Woltmershausen. Das gesamte Areal wird nun entwickelt; dabei fällt immer gerne auch eine Gastronomie in alten Fabrikgebäuden ab. Namensspender für das Justus ist der Bremer Immobilienunternehmer Justus Grosse, der das Tabakquartier entwickelt.
Angesichts der Lage ist das Investment mutig, denn ins tiefste Woltmershausen dringt man nur gezielt vor, also null Laufpublikum. Aber nebenan gibt es ein Boulevardtheater und ein Hotel hat das Quartier auch schon zu bieten, was dem Restaurant Gäste bescheren könnte.
Am besuchten 4. Adventssamstag war das Justus sehr gut besucht. Vorwiegend älteres Publikum hatte sich eingefunden und den Hipsterfaktor würde ich bei null ansetzen wollen. Die zu vernehmenden Oldies als Hintergrundmusik passten zu den Publikumsjahrgängen. Als wir eintrafen lief „Venus“ von Shocking Blue.
Alle Karten und eine Bildergalerie sind auf der Restaurantseite justus-bremen.de zu finden.
Das am 15.10.2021 eröffnete Restaurant wird von der Q Gastro & Events GmbH betrieben, die in Bremen etliche weitere Gastrobetriebe laufen hat. Das Unternehmen hat ein hohes Investment für das Restaurant getätigt, was sich bei betriebswirtschaftlicher Betrachtung im Preisniveau niederschlagen muss. Dies berücksichtigend, sehe ich das Preis-Leistungsverhältnis auf Viersterneniveau.
Service
Auch in Bremen wird über Personalmangel in der Gastronomie geklagt. Und der Standort des Restaurants „jwd“ ist für junge Kräfte ohne eigenen PKW sicherlich nicht attraktiv. Aber es muss gute Gründe geben, in einem Restaurant von Q Gastro & Events zu arbeiten, denn im Justus war eine vielköpfige Servicebrigade jüngerer Leute mit Gastroerfahrung am Werke. Ein schwarzes Poloshirt mit einem großen Q-Logo auf dem Rücken ist das Erkennungszeichen. Sehr sympathisch, dass sich nach dem Platzieren schnell „Alexander“ vorstellte, mit dem Versprechen, sich um uns zu kümmern. Er legte ein Kärtchen mit seinem Namen auf den Tisch. Wir erlebten im Laufe des Abends auch andere Servicekräfte, alle freundlich und auch gerne mit einer launigen Bemerkung, wie ich es schätze. Wir hatten den Eindruck, dass im Justus eine gute Atmosphäre im Personal herrscht, was für einen gelungenen Aufenthalt sehr förderlich ist.
Zu loben auch, dass wir die Freigabe für die Hauptspeisen nach unseren Vorspeisen selbst bestimmen durften. Da auch die Getränkeversorgung gut klappte, gebe ich gerne eine Vier plus für den Service.
Bei den Getränkepreisen spiegelt sich das Amortisationsbedürfnis des Betreibers gut wider: Die Flasche Wasser 0,75 l steht stolz mit 7,00 € auf der Karte, ein kleines Jever 0,2 l lässt sich mit 2,50 € auch nicht lumpen und die 10 offenen Weine beginnen bei 5,70 € für den Hauswein und schwingen sich bei den klassifizierten Gewächsen bis zur Spitze von 10,50 € hinauf für jeweils 0,2 l. Von dem reichhaltigen Spirituosenangebot möchte ich die Haselnuss von Birkenhof aus dem Westerwald empfehlen (3,50 €). Die 40 % glaubt man nicht, wenn man den extrem nussigen und milden Brand genießt.
Ausgegeben wird im Justus nüscht.
Essen
Unser Tischkümmerer brachte einen Kräuterquark mit Brotchips, was gefiel.
Die Karte bietet bei den Vorspeisen Klassiker der italienischen Küche und sonstig Bekanntes wie Tartar, gebeizten Lachs oder karamellisierten Ziegenkäse. Bei den Pizzen und Hauptspeisen kommt ein deftiger, Tiroler Einschlag zum Tragen, ergänzt um Klassiker wie Rouladen, Wildgulasch, Bauernente, Gänsekeule oder Ochsenbacke. Pasta und eine Grillkarte runden es ab. Vegetarisches oder gar Veganes werden vereinzelt als Zubereitungsvariante angeboten, sind aber seltene Ausnahmen. Für das oben skizzierte Publikum eine passende Karte, in der jeder fündig werden kann.
Wir fanden für uns erst einmal Bruschetta (8,90 €), gebeizten Lachs (11,90 €), Carpaccio von Roter Beete mit Ziegenkäse (11,50 €) und für mich in bescheidener Manier die Flädlesuppe (6,90 €). Diese hatte eine sehr kräftige, fettfreie Rindsbrühe als Basis mit einer ordentlichen Einlage an Eierkuchenflädle. Leider wurde sie nicht heiß serviert, was ich bei Suppen immer geißle. Meine Mitesser waren mit ihrer jeweiligen Wahl sehr zufrieden. Gelobt wurden auch die Salatgarnituren, die gelungen angemacht waren. Die Bruschetta wurde auf einem Pizzaboden serviert. Verkosten durfte ich lediglich ein Stückchen vom karamellisierten Ziegenkäse mit dünnen Scheiben von der Roten Beete; zwei Modeerscheinungen kombiniert. Aber der Ziegenkäse schlug alles, was ich bislang unter Thymianhonig usw. vorgefunden habe.
Hätte meine Brühe die richtige Temperatur gehabt, wären für die Vorspeisen 4,5 drin gewesen, aber der Strafabzug führt zu glatten vier Sternen für die Vorspeisen.
Weiter ging es mit Grünkohl (15,90 €), Pizza Ruccola-Serrano (13,90 €), zwei runde pralle Dinger (Knödel, 14,90 €) und meinem Backhändl (17,90 €). Dieses wurde in zwei dick panierten Stücken auf Apfel-Coleslaw mit frittierten Scheiben ungeschälter Kartoffel serviert. Die knusprige Panade umhüllte recht saftiges Fleisch von Brust und Keule und mit ein paar Zitronenspritzern habe ich es mit Gefallen gegessen. Die Rundpommes auch gut. Den Coleslaw unter den Hühnerteilen hätte man besser weggelassen und auch die beiden Dips entpuppten sich schlicht als Mayo und Ketchup. Sehr gut und stopfend der Spinatknödel, den ich kosten durfte, gut harmonierend mit der Käse-Kräutersoße, deren letzte Spuren ich vom Fremdteller mit einem Stück Kloß abstreichen durfte. Der Rote-Beete-Knödel war langweilig, da lobe ich mir den Speckknödel in den Südtiroler Stuben.
Vom Grünkohl gab es eine Mannsportion mit Kassler, Bremer Pinkel (=fette, geräucherte Grützwurst), Kochwurst (=Mettende) und Bratkartoffeln. Die Bratkartoffeln hätten krosser sein können, ansonsten herrschte Zufriedenheit. Ebenfalls konnte die Pizza überzeugen, obwohl das Belegen eines fertig gebackenen Pizzabodens mit Schinken, Rauke und Parmesan mit einer Pizza in meinen Augen nichts zu tun hat. Meine Begleiterin aber bestellt diese Abart sehr gerne und war auch hier mit ihrer Wahl zufrieden. Überwiegend also gute Zufriedenheit mit den Hauptspeisen ohne Aha-Erlebnisse.
In toto gebe ich der Küche des Justus vier Sterne.
Auf den Tischen gute Salz- und Pfeffermühlen.
Ambiente
Das Justus befindet sich in zweiter Reihe auf dem großen Fabrikareal. Nebenan steht das Kesselhaus mit dem Schornstein, an dem man sich gut orientieren kann. Vor dem Justusgebäude wurde ein Parkhaus gebaut, so dass man direkt beim Restaurant bequem parken kann. Dem Eingang vorgelagert ist eine breite, freitragende Überdachung, unter dem die großzügige Terrasse Platz findet, das muss wohl mal für eine wettergeschützte Verladung gebaut worden sein. Das Restaurant als solches ist schlauchartig und hat kein Tageslicht im hinteren Bereich. Es gibt zwar reichlich und originelle Leuchten, doch deren Lichtstärke ist arg beschränkt. Mir ist es zu düster. Anders als in der Bullerei von Tim Mälzer kann man im Justus aber noch die Karte ohne Handytaschenlampe lesen.
Die Tische haben eine helle Vollholzplatte, wie sie auch in klassischen Wirtshäusern zu finden ist. Auf ihnen brannten dicke weiße Kerzen. Zu viert ist die Tischgröße noch akzeptabel. Sehr großzügig sind die Laufwege bemessen. Man sitzt auf Stühlen mit Lederpolster oder auf Lederbänken. Warum nicht jeder Stuhl den Luxus von Armlehnen hat, ist für den Sitzkomfort unverständlich.
Man geht im hinteren, ein paar Stufen erhöhten Bereich auf einem dunklen Parkettboden, vorne gibt es einen Steinboden und in dem Bereich kann man in die Küche blicken und am Bartresen Platz nehmen. Bestimmende Dekoelemente sind die unterschiedlichen Leuchtkörper.
Sauberkeit
Alles in Ordnung. Auf den großzügig bemessenen Toiletten setzt sich das Düstere fort. Es dominiert schwarz und wenn die Beleuchtung noch ein paar Lumen herabgesetzt würde, hätte man einen Darkroom.